Yvo Verschoor über improvisieren:

Oft fragen mich Leute, wenn ich einen Film begleitet habe, was für Musik ich gespielt habe. Dann sind sie erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass sie total improvisiert war. Oft sagen sie, dass sie Themen von Schumann, Chopin oder Ravel erkannt haben. Manchmal nennen sie auch Komponisten, von denen ich noch nie ein Stück gespielt habe. Dann bin ich wiederum erstaunt.

Ich verwende in meinen Improvisationen gerne das romantische und impressionistische Idiom, aber während ich spiele, weiss ich oft nicht, woher sie genau kommt. Die Musik liegt gleichsam in der Luft. Ich versuche mich zu öffnen, meine Antennen auszurichten, um die Musik aufzufangen und dafür zu sorgen, dass ich das, was ich mit meiner Antenne auffange, auch so gut wie möglich spiele.
Wichtige Beispiele für mich sind Master-Improvisatoren wie Art Tatum und Keith Jarrett und Komponisten wie zum beispiel Claude Debussy, Olivier Messiaen oder Igor Strawinsky.


Yvo Verschoor interpretiert 'Le Pendu'
(Frankreich 1906) auf einem August Förster (1926)
Pianosalon Christofori, Berlin 2007

Bei 'improvisierter Musik' denken viele nicht so schnell an klassische oder zeitgenössische Musik. Improvisation wird meistens mit Jazz assoziiert. Eigentlich ist das merkwürdig, denn viel von dem, was jetzt 'klassische Musik' heisst, ist ja irgendwann einmal als Improvisation entstanden. Klassische Komponisten improvisierten oft viele Stunden, bevor sie sich für eine bestimmte Phrase, Kombination oder einen Satz entschieden - und dieses letztendlich aufschrieben.

In dem Jahrhundert, seit es Jazz gibt, haben sich innerhalb dieser Musik verschiedene Stile entwickelt, jeder mit seiner eigenen spezifischen 'Spielweise', seinem eigenen Rhythmus, seinem eigenen Timing, seiner eigenen Harmonisation und Klangfarbe von Akkorden. Aber alle diese verschiedenen Jazzstile haben doch zwei Übereinkünfte. Die eine: dass es immer zwischen Metrum und Rhythmus Spannung gibt - so dass die Musik, wie man sagt, 'swingt'. In der klassischen Musik fehlt das gänzlich. Eine zweite Übereinkunft ist die Rolle der Improvisation: diese ist in jedem Jazzstil wichtig. In der klassischen Musik improvisiert bei weitem meist nur der Komponist - aber das macht er in seinem Arbeitszimmer; das Publikum, bekommt das nicht zu hören. Im Jazz geschieht das nun gerade wohl, und ist es nicht der Komponist, der improvisiert: es sind die ausführenden Musiker.

Um welchen Stil es auch geht, um improvisieren zu können, muss man genau wissen, welche Kennzeichen der jeweilige Stil hat, und muss man sich diese vollständig eigen machen. Improvisieren ist darum alles andere als 'irgendetwas machen'. Ferner muss man mit diesen Stileigenschaften seine eigene Geschichte erzählen - und daraus vielleicht einen neuen Stil entwickeln.

Zurück zu den klassischen Komponisten. Viele von ihnen studierten und kopierten die Kompositionen ihrer Kollegen und destillierten daraus ihren eigenen Stil. So studierte Liszt zum Beispiel viele Werke von Beethoven. Ravel und Debussy wussten von einander, womit der andere beschäftigt war; sie ließen sich sogar von denselben Gemälden und Gedichten inspirieren und schufen ähnliche musikalische Bilder.

Vom Jazz ist ziemlich allgemein bekannt und akzeptiert, dass Improvisation einen wichtigen Teil davon ausmacht. Was ich mache, kommt weniger oft vor: die Stilelemente aller erdenklichen Muzikstile studieren - von Jazz bis Klassik, von Weltmusik bis Pop - und daraus für die musikalische Begleitung von Stummfilmen, Theater oder Poesie Anleihen machen und zitieren.

Wie die Erfahrung zeigt, gewinnt die Musikpartie unter einem Film viel, wenn man eine breite musikalische Palette zur Verfügung hat. Dadurch wird die Begleitung ein Stück interessanter, als wenn man sich auf einen Stil beschränkt. Zitieren aus dem Werk van Mompou - der imstande war, mit ganz wenig Noten die Atmosphäre Spaniens wachzurufen - und darüber improvisieren; die fetten, schwelgenden Akkorde von Rachmaninoff spielen; oder die einzigartige Weise anwenden, womit Debussy 'Bewegung' hervorrufen konnte; auf diese Weise ist jede Stimmung - von Dramatik bis Verlangen, von Leidenschaft bis Trauer und Machtlosigkeit, von Hoffnung bis Fröhlichkeit - in Musik umzusetzen.

Meist verwendet man als Filmpianist 'passende' Musik zu einer bestimmten Szene - obwohl es auch schwierig sein kann zu bestimmen, was 'passend' ist. Nehmen wir zum Beispiel Filme über das alte Rom oder das antike Griechenland: niemand weiss ja, wie die Musik der Griechen und Römer geklungen hat. Welche Musik man dazu auch spielt, es ist immer ein Anachronismus. Das ist nicht schlimm; man erhält zum Beispiel einen schönen Effekt, wenn man in einem Film wie 'Quo vadis' zu den Szenen mit den frühen Christen Gospel spielt.

Manchmal sucht man es gerade in entgegengesetzter Musik. Wenn man beispielsweise Bruckner unter bestimmte Szenen von Charlie Chaplin legt, ist der Effekt, dass Chaplin davon noch witziger wird. Und so kann man das Grauenvolle bestimmter Filmszenen auch durch liebliche Musik abmildern.

Über Musik unter Stummfilmen gibt es grob gesagt zwei Auffassungen. Nach der einen schreibt der Komponist eine komplette Partitur, und führen Musiker diese aus. Nach der anderen verwendet man Improvisation.

Geschichtlich betrachtet, sind beide richtig, denn so ist es in der Stummfilmzeit auch zugegangen: der Film machte eine Gastspielreise entlang der Theater, aber nur in den größten Städten war ein Orchester, das die dazugehörige Musik spielte. In den kleineren Theatern gab es oft einen Pianisten, der die Musik improvisierte. (Siehe auch: 'Geschichte')

Aber es gibt Gründe, der improvisierten Musik den Vorzug zu geben. Die Geschwindigkeit beim Abspielen eines Films kann variieren, wodurch ein Film manchmal 10 Minuten länger oder kürzer dauert. Ein improvisierender Musiker kann das ausgleichen; wenn man von Blattmusik spielt, wird man in einer solchen Situation nur all zu schnell asynchron. Aber vor allem bietet Improvisation die Möglichkeit, näher an den Film zu herankommen. Ausgeschriebene Partien bleiben distanziert. Erst wenn man improvisiert, entsteht ein direkter und immer wieder neuer Dialog mit der Bildgeschichte auf der Leinwand.


Yvo interpretiert 'Bed und Sofa' 1927 (Berlin 2008)

 



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